
Elisabeth Hammer ist Geschäftsführerin der Sozialorganisation neunerhaus. Im September erscheint im Verlag Picus Konturen ihr Essay: „Handeln unter Druck. Wie soziale Organisationen wirksamer werden“.
Sywi
Liebe Frau Hammer, neunerhaus hat Housing First in Wien etabliert und damit einen Systemwechsel in der Bekämpfung von Wohnungslosigkeit eingeläutet. Wie konnte es dazu kommen?
Elisabeth Hammer (EH)
Nun, Unterstützung für wohnungslose Menschen gibt es schon lange in Wien, das hat hier Tradition. Es gibt ein gut ausgebautes, differenziertes Hilfesystem, getragen durch soziale Organisationen und finanziert durch die öffentliche Hand. Das heißt aber auch: Das Thema „keine Wohnung haben“ wurde eindeutig dem Sozialbereich zugeordnet.
Housing First hat insofern einen Systemwechsel gebracht, weil die Kernidee dieses Modells ja lautet: Wohnungslosigkeit beendet man mit einer Wohnung. Man adressiert damit also unbedingt auch den Wohnungsmarkt.
Der Übergang in „eigenständiges Wohnen“ als systemische Antwort auf das Thema Obdach- und Wohnungslosigkeit ist etwas, das über Jahrzehnte aus dem Blick geraten oder nie so richtig hineingeraten war. Aus sozialarbeiterischer Perspektive wurde eine eigene Wohnung als letzter Schritt auf einem ganz langen Weg verstanden - als Prämie für besonderes Wohlverhalten über eine lange Zeit hinweg. Housing First dreht das Ganze strategisch um und sagt: Wohnen beginnt bestmöglich mit einer eigenen Wohnung – mit der Hilfe und Unterstützung, die es dann braucht.
Sywi
Wann sind Sie zum ersten Mal auf Housing First gestoßen?
EH
Um das Jahr 2010 herum kursierte das Modell im US-amerikanischen Kontext und in Finnland. Wir haben in Wien die Debatte dann über eine globale Literaturrecherche zu diesem Thema angestoßen. Das ist natürlich immer eine gute Möglichkeit, über den Tellerrand zu blicken und andere Perspektiven zu verarbeiten. Das eigentlich Sensationelle und der Hebel für alles Weitere war aber, dass wir es geschafft haben, Geld für diese Grundlagenarbeit zu bekommen.
Und das ist wichtig für zukünftige Aktivitäten im Sinne systemischer Wirksamkeit: Man muss sich sehr genau überlegen, welche Möglichkeiten es gibt, um einen Stein ins Wasser zu werfen, der dann echte Wirkungen erzeugt; Wirkungen, die weitreichender sind als der unmittelbare Effekt, der eintritt, wenn der Stein ins Wasser fällt.
Diese Literaturrecherche war eine immer noch relativ günstige, einfache Idee, um einen Stein ins Wasser geworfen zu bekommen. Das war ein kluger strategischer Move, und das war auch nichts, was man als Sozialorganisation üblicherweise macht.
Sywi
Wie haben Sie das Modell dann in Wien publik gemacht?
EH
Wir haben das ganze Themenfeld so gut und prägnant aufbereitet, dass Housing First von Politik und Verwaltung aufgegriffen werden kann. 2012 tauchte der Begriff erstmals im Regierungsprogramm einer rot-grünen Wien-Koalition auf. Die Stadtverwaltung hat dann aufgrund unserer Literaturrecherche und wegen dieses Begriffs in einem Regierungsprogramm einen Prozess gestartet, um Housing First so auszudifferenzieren, dass man es im Wiener Kontext implementieren kann.
Sywi
Wie lief die Implementierung?
EH
Total ungewöhnlich, muss man sagen. Es gibt hier, angedockt an die Stadt, den Fonds Soziales Wien, einen Verwaltungskörper, der auch Förderungen für soziale Organisationen ausschüttet. Dieser Fonds hat gemeinsam mit uns von neunerhaus den ganzen Prozess der Implementierung von Anfang an geführt. Eine soziale Organisation und die Stadtverwaltung haben also gemeinsam den Systemwechsel in Wien gestaltet.
Sywi
Sie sagen ziemlich selbstbewusst und ein bisschen provokant über neunerhaus: „Wir fühlen uns zuständig.“ Wofür eigentlich genau?
EH
Für uns gilt „Wir sind zuständig.“ zweidimensional. Einmal bezogen auf einzelne Personen, auf die wohnungs- und obdachlosen Menschen, mit denen wir zu tun haben. Wir hören ihnen zu, greifen das Gehörte auf und versuchen einen guten nächsten Schritt mit diesen Menschen zu gehen; einen Schritt, der eine echte Wirkung hat und nicht nur eine Dokumentation erfüllt im Sinne von „Beratungsgespräch geführt, check“. Wir wollen also einerseits individuelle Hilfe leisten, die wirklich ankommt.
Als soziale Organisation sind wir andererseits aber auch dafür zuständig, dass andere in Zuständigkeit gebracht werden: unterschiedliche Akteur*innen aus der Verwaltung, aus dem Bereich der Wohnbauträger, aus der Politik, aus anderen sozialen Organisationen.
Es geht uns um das ganze Feld, das gefordert ist, „leistbares Wohnen für alle“ zu ermöglichen. Es geht uns darum, dass ein Gesamtsystem in Verantwortung gebracht wird für die Bearbeitung dieses Themas.
Ich fühle mich dafür zuständig, dass andere zuständig werden.
Sywi
Sie sagen: „Gesamtsystem“ – meint das die Stadt Wien oder ist das noch größer gedacht?
EH
„Wohnungslosigkeit beenden“ muss man definitiv größer denken. Es ist uns ja auch schon gelungen, das Thema „Housing First“ von der städtischen auf die Bundesebene zu bringen.
Und es mag ein bisschen absurd klingen, aber wir haben die Pandemie dafür gebraucht.
Weil es in dieser Zeit – aus der Not und aus dem Aufeinanderangewiesensein heraus – auf städtischer und nationaler Ebene einen anderen Nährboden für Innovation und Veränderung gab. Die Politik und die Verwaltung hatten einen ganz anderen Druck, mit sozialen Organisationen wie uns zusammenzuarbeiten.
Es gab damals einen großen Covid-Fördertopf auf nationaler Ebene, da haben wir uns eingeklinkt und daran gearbeitet, das Housing First-Modell, das wir in Wien pilotiert und ausprobiert hatten, auf die nationale Ebene zu heben. Unüblicherweise hat sich dann ein Dachverband, der eigentlich Lobbying und Interessenvertretung macht, dazu committed, ein operatives Förderprojekt zu Housing First zu führen, das den Anspruch hatte, einen systemischen Wandel jetzt auch auf nationaler Ebene voranzubringen.
Mittlerweile ist es übrigens kein Förderprojekt mehr, das Sozialministerium hat die Ownership zu diesem Thema übernommen. Für uns ein starkes Signal der Wertschätzung und Priorisierung.
Sywi
Uns ist nicht ganz klar, was die strategische Vision von neunerhaus ist. Geht es um das „Beenden von Wohnungslosigkeit“? Oder um „Leistbares Wohnen für alle!“? Oder haben Sie zwei Visionen?
EH
Man muss wissen, dass neunerhaus eine Tradition hat, individuelle Hilfe und Unterstützung damit zu verbinden, dass man sozialpolitisch in dieser Stadt etwas bewegen will. Das ist sozusagen die DNA von neunerhaus. Und das ist auch genau meine Sache. In diesem Sinne beschäftigt mich vor allem die Frage: Wie verknüpft man den Anspruch nachhaltiger individueller Unterstützung mit dem Anspruch systemisch wirksam zu sein? Dazu gehört die Frage: Wie schafft man das auf operativer Ebene, aber auch im Rahmen einer Organisations-Erzählung. Denn daran, wie überzeugend wir unsere Vision erzählen, wie wir unseren Nutzen deutlich machen, hängen für uns schließlich öffentliche Fördergelder und natürlich auch Spendengelder.
Wir haben erst vor kurzem versucht, den Purpose von neunerhaus auf den Punkt zu bringen. Und da spiegelt sich dieses doppelt Visionäre auch wider, ein zentraler Leitgedanke unserer Strategie lautet nämlich: „Wir ermöglichen Wendepunkte im Leben von Menschen, die ausgegrenzt werden – und verändern Strukturen, die Ausgrenzung erzeugen. “
Es geht uns also um beides: „Wohnungslosigkeit beenden!“ ist vielleicht eher etwas, das man eine einzelne Person bezieht – und „Leistbares Wohnen für alle!“ ist die Vision einer inklusiven Gesellschaft mit Bezug zum Wohnen.
Sywi
Das können Sie nicht allein schaffen. Wer sind die Verbündeten, mit denen Sie diese Doppelvision in Zukunft umsetzen wollen?
EH
Es gibt interessanterweise immer wieder Verbündete in nicht verbündeten Systemen. Man findet Partner*innen und Unterstützer*innen manchmal wirklich ganz überraschend, in anderen Kontexten, einfach weil es überall Menschen gibt, die wirksam sein wollen.
Es gibt beispielsweise den Geschäftsführer einer gemeinnützigen Wohnbaugesellschaft, der dazu noch eine wichtige Funktion in einem machtvollen Dachverband hatte. Er hat eine ganz tolle persönliche Energie und die Haltung: „Ach, das stemmen wir schon, dieses bisschen Housing First, das ist ja keine Dimension, die die gemeinnützigen Wohnbaugesellschaften an den Rand ihrer Existenz bringt. Im Gegenteil.“
Solche Personen in anderen Systemen für uns zu gewinnen, das ist auch wieder so ein „Stein-ins-Wasser-Moment“. So kann sich Wirksamkeit multiplizieren. Genau zu schauen, wer in anderen Systemen, an den anderen Ufern die Multiplikator*innen sind, das finde ich total lohnend.
Gleichzeitig – bei allem Fokus darauf, das andere Ufer zu gewinnen: Es ist total wichtig und fern von trivial, auch das eigene Ufer zu bearbeiten und die kulturelle Veränderung in der Art, wie man Hilfe leistet, auch im eigenen Netzwerk auf operativer und strategischer Ebene gut zu verankern.
Sywi
Sagen Sie bitte noch etwas mehr zur Multiplikation von Wirksamkeit…
EH
Wir wollen jedenfalls keine Lösungen „von der Stange“ liefern, die man dann skaliert. Im Gegenteil, wir wollen sehr informiert an Lösungen arbeiten, die zunächst einmal passend und wirksam sind für die Menschen, oft mehrfach marginalisierte Menschen, mit denen wir ganz direkt arbeiten. Unser Ziel ist es, aus diesen Lösungen dann auch einen Input zu geben für das gesamte Gesundheitswesen oder für den Wohnungsmarkt als Ganzes. Und das meine ich definitiv so groß.
Wenn es uns gelingt, Menschen, die Sprachbarrieren haben, die brüchige Lebensläufe haben, einen Platz im Wohnungsmarkt zu geben, dann gibt es da etwas zu lernen für das Gesamtsystem. Für die Gesellschaft als solche.
Wir versuchen das auch strategisch auszuarbeiten. Wir stellen unsere Erfahrungen mit einzelnen Angeboten und Lösungen für marginalisierte und vulnerable Menschen –– dem Gesamtsystem, der Gesellschaft zur Verfügung – und zwar auch in Form von Policy Papers. Weil wir ein starkes Standbein in der medizinischen Versorgung von Wohnungs- und Obdachlosen sowie Nichtversicherten haben, haben wir z.B. gerade ein solches Paper zum Thema „Gesundheitsversorgung für alle“ produziert. Mit einfachen, klaren Botschaften und Fragen wie: „Gesundheitsversorgung muss niederschwellig sein.“ und: „Wie kann eine wirklich integrierte Versorgung für alle aussehen?“
Sywi
Gesamtsystem heißt hier wieder: über die Stadt Wien hinaus?
EH
Sowohl Wohnungsmarkt als auch Gesundheitssystem muss man zu allererst auf nationaler Ebene denken – aber nicht nur. Wir sind und bleiben operativ in Wien verankert, aber ein Thema wie „Was machen wir mit Menschen, die nicht versichert sind?“ ist eben kein Wiener Thema, das ist viel größer.
Sywi
Die Wohnungslage ist sehr angespannt und nimmt die Ausmaße einer existentiellen Krise an, auch im, so dachte man lange, gut ausgestatteten Europa. Was bedeutet das für Ihre Arbeit und Ihre Idee von Wirksamkeit? Wird gerade alles noch schwieriger?
EH
„Wohnungslosigkeit beenden“ mit Housing First, das ist ursprünglich ein Thema von Menschen, die sehr wenig Einkommen haben, stark vulnerabel sind und marginalisiert werden. Aber jetzt gibt es eben eine gesellschaftliche Lage, in der „leistbares Wohnen“ für sehr viele Menschen relevant ist. Das geht zunehmend eine Mehrheit an Menschen an.
Ich persönlich fühle mich dadurch extrem motiviert. Wir spüren bei neunerhaus deutlich: „Jetzt erst recht. Jetzt geht es um etwas. Jetzt müssen es doch alle begreifen.“
Wir versuchen das Thema deshalb auch umfassend, größer zu kommunizieren, weil es eben auch Menschen mit Kindern, die keine Wohnung finden, betrifft; oder Menschen, die massive Energiekosten zu stemmen haben, mit der Inflation konfrontiert sind etc. Wohnen ist kein Nice-To-Have und kein Randthema. Wohnen betrifft uns alle. Das wollen wir auch als Hebel für Veränderung nutzen.
Sywi
Was genau ist „das andere Ufer“ für Sie? Wer befindet sich da?
EH
Klassischerweise würde man sagen: Da befinden sich die Akteur*innen aus Verwaltung, Wohnungsmarkt, Politik. Was mich immer beschäftigt, ist die Frage: Ist das andere System, das andere Ufer sehr weit weg oder scharf getrennt, quasi unerreichbar; oder ist es permeabel, sind das sozusagen permeable Grenzen? Ich bin am Durchlässigen interessiert. Mich interessieren die Gefüge, die Gefäße, die Formate, wo es durchlässiger wird – wo man sich nicht frontal begegnet als „Ich bin hier“ vs. „Du bist dort“, am anderen Ufer.
So versuchen wir wirksam zu werden: es zwischen dem Eigenen und dem Anderen flüssiger machen.
Sywi
Welche sind die harten Widerstände, die Undurchlässigkeiten, auf die Sie treffen?
EH:
Na ja, es gibt einen starken strukturellen, systemischen Widerstand gegen das, was wir tun. Die Rahmenbedingungen für Housing First waren und sind immer herausfordernd. Und wenn ich jetzt an verschärfende Tendenzen wie Spardruck und Rechtsruck denke… da frage ich mich schon, ob es vielleicht eine reaktionäre Wende im Umgang mit dem Recht auf Wohnen und im Umgang mit der Hilfe für wohnungs-/obdachlose Menschen gibt.
Harte Widerstände gibt es überall.
Ich ignoriere sie nicht, aber orientiere mich lieber dorthin, wo ich Lücken sehe und Möglichkeiten, Allianzen zu schmieden und Kooperationen einzugehen.
Sywi:
Zum Schluss: Was ist Systemische Wirksamkeit für Sie?
EH:
Für mich ist das eine Denkfigur, mit der ich mich gut orientieren kann. Ich würde mich aber total freuen, wenn das als Konzept oder Modell in einfachen Worten theoretisch so aufgeladen ist, dass wir noch besser damit arbeiten können. Also noch wirksamer werden.