
Arnd Pollmann
Arnd Pollmann lehrt und forscht im Bereich der Praktischen Philosophie, vor allem auf den Gebieten der Ethik und Moralphilosophie, der Sozialphilosophie und der Politischen Philosophie der Menschenrechte. Er ist Professor für Ethik und Sozialphilosophie an der Alice Salomon Hochschule Berlin. Von ihm ist z.B. im Suhrkamp Verlag erschienen: „Menschenrechte und Menschenwürde. Zur philosophischen Bedeutung eines revolutionären Projekts.“
HS: Wir kennen das: Man steht an einer roten Ampel, muss unbedingt seine Bahn erreichen, die da vorne gerade einfährt, weit und breit kein Auto zu sehen. Man könnte zügig über Rot und alles wäre gut. Auf der anderen Straßenseite aber lauern eine Mutter oder ein Vater mit einer 3-Jährigen Amelie, die schon streng herübergucken: Wage es ja nicht, vor den Augen des Kindes… Du bist der Ethiker. Was rätst du mir in so einer Situation?
AP: Oh ja, diese Blicke. Diese vorweggenommene Empörung. Die Sachlage scheint ja zunächst klar zu sein: Das Gesetz verlangt, dass man wartet. Man darf dem Kind kein schlechtes Vorbild sein. Es reicht da nicht, den Ball imaginär zurückzuspielen und die Klärung des Vorgangs dem erzieherischen Geschick der Eltern zu überlassen. Aber vielleicht hat man auch selbst gute Gründe: Der Termin ist sehr wichtig, oder man würde sonst ein Versprechen brechen. Daher musst du dich fragen, ob du ein Bußgeld, vor allem aber die Gefährdung des Kindes in Kauf nehmen willst. Ersteres kann okay sein, letzteres nicht. Stünden lediglich Erwachsene an der Ampel, sähe alles anders aus.
Weißt du, wie ich das gelegentlich löse? Auf dem Wege eines Kompromisses. Ich gehe rasch ein Stück die Straße entlang, weg von der Ampel, in der Hoffnung, dass Amelie und ihre argwöhnischen Eltern mich aus den Augen verlieren. Und dann schnell rüber...
HS: Mal ganz weit ausgeholt: Was ist Ethik für dich?
Ethische Fragen haben ersichtlich etwas mit Moral zu tun. Allerdings hat die Moral keinen besonders guten Ruf, weil sie dazu neigt, sich in das Leben fremder Leute einzumischen. Im Alltag werden beide Begriffe – Ethik und Moral – gern austauschbar verwendet. Das ist nicht verwunderlich. Der Begriff „Ethik“ kommt aus dem Alt-Griechischen, der Begriff „Moral“ aus dem Lateinischen, und beide meinen sie das, was man früher gern die „guten Sitten“ nannte. Das klingt nach Pflichten, nach Zumutungen und Unfreiheit. Aber es geht dabei um die wichtige Frage, welche Werte und Normen unser menschliches Miteinander bestimmen sollen: Was schulden wir uns selbst, vor allem aber auch anderen Menschen. Was ist erlaubt? Was Pflicht? Und was muss unbedingt verboten sein?
HS: Für wen ist Ethik gut?
Tatsächlich steht die Frage nach dem Guten im Mittelpunkt allen ethischen Kopfzerbrechens. Es beginnt meist mit einem Entscheidungsproblem: Was soll ich tun? Soll ich lügen oder nicht? Muss ich mich an dieses Versprechen halten? Welche der beiden Optionen ist die gute oder bessere, welche die schlechtere? Allerdings geht die Philosophie hier noch einen Schritt weiter und fragt sich, was überhaupt wir mit dem Urteil meinen, irgendetwas sei gut? Denk an ein Buch, ein Smartphone, ein Abendessen. Im Alltag machen wir uns nur selten klar, dass wir die Dinge, die wir für gut befinden, anderen empfehlen möchten, weil wir sie für zweckmäßig halten: „Wenn du ein gutes Buch lesen willst, dann nimm dieses!“ Und tatsächlich kann man dies auch auf gute Handlungen, ja, sogar auf gute Menschen übertragen: Wir empfehlen sie als nachahmenswert. Und daraus folgt: Die Ethik ist gut für all jene, die Orientierung benötigen, weil sie selbst gut handeln oder gute Menschen sein wollen.
HS: Das ist mir noch nicht ganz klar: Geht es bei Ethik um „das Gute“ oder „das Richtige“?
Sowohl als auch. Schaut man genauer hin, dann konkurrieren in der Ethik – wie im Leben überhaupt – zwei verschiedene Arten des Guten miteinander. Einerseits geht es um die Frage, was der Mensch tun soll, um ein individuell gelingendes oder glückliches Leben zu führen. Andererseits stoßen wir in diesem Leben immer auch auf andere Menschen, denen wir Rücksicht schulden und die ihrerseits Pflichten gegenüber uns haben.
Speziell mit Blick auf diese zwischenmenschlichen Pflichten spricht die Ethik vom „richtigen“ Handeln. Das Problem ist nur: Das, was für mich selbst gut ist oder mich glücklich macht, muss nicht unbedingt das sein, was mit Blick auf andere richtig oder moralisch geboten ist. Und umgekehrt: sich moralisch richtig zu verhalten, muss nicht unbedingt glücklich machen. Das kann sehr, sehr anstrengend sein.
HS: In der Philosophie scheint es sehr unterschiedliche Arten von Ethik zu geben. Gibt es so etwas wie einen gemeinsamen Nenner?
Durchaus. So unterschiedlich man zu den verschiedensten Zeiten und auch in unterschiedlichsten Kulturen über Ethik und Moral nachgedacht hat, meist geht es doch darum, dass wir unseren Mitmenschen keinen nicht-gewollten Schaden zufügen sollen. „Nicht-gewollt“ deshalb, weil Menschen ja beizeiten auch zum Zahnarzt oder ins Tattoostudio gehen, um dort um eine Schädigung zu bitten. Dann aber wird aus dem unmoralischen Akt der Körperverletzung eine gewollte Dienstleistung. Ethisch bedenklich sind Handlungen nur dann, wenn sie anderen diese Schädigung aufdrängen, und zwar ungefragt. Doch was genau zu unterschiedlichen Zeiten und in verschiedenen Kulturen als eine solche Schädigung galt und gilt – da ist man sich nicht immer einig. Denk an so unterschiedliche Dinge wie unpassende Kleidung, Homosexualität oder Unpünktlichkeit.
HS: Nenn mal die für dich wichtigsten Ethik-Denker – und ihre Kernsätze.
Wenn du philosophische Einführungen in die Ethik aufschlägst, dann konkurrieren meist die folgenden Ansätze: Tugendethik, Pflichtenethik, Utilitarismus, Kontraktualismus und die Ethik des Mitgefühls. Liest man sich ein wenig ein, wird man irritiert feststellen, dass deren wichtigste Vertreterinnen und Vertreter oft seltsam aneinander vorbeireden. Das liegt vor allem daran, dass man angesichts ein und desselben moralischen Problems auf ganz unterschiedliche, aber allesamt wichtige Aspekte dieses Problems schauen kann.
HS: Wir brauchen ein Beispiel.
Mit meinen Studierenden bespreche ich zu Beginn des Semesters gern die Frage: Warum sollten sie regelmäßig ins Seminar kommen, auch wenn es keine strikte Anwesenheitspflicht gibt? Folgt man der Tugendethik, die vor allem auf Aristoteles zurückgeht, dann steht die Frage im Vordergrund: Was für ein Mensch will ich sein? Sei den anderen ein Vorbild. In diesem Fall: zuverlässig. Morgens aufstehen, auch wenn es schwerfällt. Aber wenn du krank bist oder coronapositiv, wäre das eben auch nicht vorbildlich. Die Pflichtenethik nach Immanuel Kant überlegt ganz anders. Der berühmte Kategorische Imperativ lässt uns fragen: Was, wenn alle das täten, was ich zu tun gedenke? Wenn alle ständig fehlen würden, dann fände das Seminar am Ende nicht mehr statt. Und dann könnte man auch nicht mehr schwänzen, weil nicht genügend „Dumme“ regelmäßig die Stellung halten.
HS: Also kommen die verschiedenen ethischen Ansätze gar nicht zu den gleichen Ergebnissen.
Genau. Und das gilt im Alltag auch in vielen anderen Fragen. Darf ich ausnahmsweise lügen? Darf ich die Zeitung vor der Haustür meiner verreisten Nachbarin mitgehen lassen? Soll ich auch dem dritten Obdachlosen in der U-Bahn Geld geben? Auch wenn wir noch nie ein Wort der erwähnten Philosophen gelesen haben sollten, können wir im Alltag immer schon deren verschiedene Perspektiven einnehmen und kommen dabei leider oft zu teilweise unterschiedlichen Ergebnissen. Vor allem das ist es, was uns diese Entscheidungen dann auch gelegentlich so schwer macht: Wir verlieren schnell den Überblick, was alles auf dem Spiel steht.
HS: Was ist mit den drei anderen Ansätzen?
Der Utilitarismus ist strikt outputorientiert. Laut John Stuart Mill interessiert allein der Nutzen, den eine größtmögliche Zahl von Betroffenen aus einer Handlung ziehen kann. Ist das Seminar gut und nützlich, können viele davon profitieren, es wäre unklug zu fehlen. Doch ist die eigene Zeit am Ende besser anderswo investiert – im Dienst der Gemeinschaft oder gar der Menschheit –, dann muss man kalkulieren, ob es sich lohnt. Der Kontraktualismus wiederum geht wesentlich auf Thomas Hobbes zurück und denkt sich das moralische Miteinander als einen Vertrag. Stellen wir uns vor, alle am Seminar Beteiligten und auch ihre Angehörigen und sämtliche Steuerzahlerinnen und Steuerzahler säßen an einem Tisch: Würden wir gemeinsam beschließen, dass man fehlen darf, wann man will? Schließlich die Ethik des Mitgefühls: Nach David Hume oder Arthur Schopenhauer soll man eher auf den Bauch hören und sich empathisch in das leidende Gegenüber einfühlen – in diesem Fall: den unter der Abwesenheit seiner Studierenden leidenden Dozenten. Das bedeutet: regelmäßige Teilnahme!
HS: 5 ethische Ansätze. Puh. Gibt es einen, dem du dich besonders nahe oder verpflichtet fühlst? Oder kann man eh nur mit einem gesunden Ethik-Eklektizismus überleben?
Es ist stark tagesformabhängig, für welchen Ansatz ich mich entscheide. Ich habe sicher eine gewisse Vorliebe für die Tugendethik. Aber wenn mich die Unvernunft meiner Mitmenschen nervt, weil achtlos Müll auf die Straße geworfen oder dreist gelogen wird, dann werde ich zum Kantianer. Wenn es um die Demokratie geht, denke ich eher kontraktualistisch. Und wenn ich mal selbst sehr leide, fällt mir auch das Mitleiden mit den Sorgen anderer leichter. Am Ende sollte man sich nicht grundsätzlich für einen dieser Ansätze oder gegen andere entscheiden, weil sie eben alle auf wichtige Aspekte unseres moralischen Miteinanders abheben. Es käme eher darauf an, diese Ansätze möglichst virtuos miteinander ins Gespräch zu bringen. Aber ich gebe zu: Dafür hat man selten genug Zeit. Und meine Beobachtung ist: Im Alltag entscheiden sich die meisten Menschen dann akut für ein utilitaristisches Abwägen der Kosten und Nutzen. Das hat sicher auch etwas mit der kapitalistischen Welt zu tun, in der wie leben.
HS: Mal angenommen, es gäbe so etwas wie eine Ethik fürs 3. Jahrtausend, für heute und morgen. Was müsste die berücksichtigen?
Ich fürchte, ich muss hier etwas abstrakter antworten, als dir das lieb sein wird. Aus meiner Sicht gibt es in der öffentlichen Debatte derzeit eher zu viel als zu wenig Moralin. Überall Empörung, Skandalisierung und der Hang, Menschen schon aufgrund kleinster moralischer Verfehlungen maximal vorzuführen. Hier plädiere ich eher für ethische Abrüstung.
Was aber vielleicht noch wichtiger ist: Wir haben ohnehin kein moralisches Wissens- oder Begründungsproblem, sondern eher ein Motivationsproblem. Meistens wissen wir ja recht genau, was zu tun gut wäre: toleranter sein, öfter mal das Fahrrad nehmen, weniger bis gar kein Fleisch essen usw. Aber wir handeln nicht entsprechend. Wir müssen also nicht an der Moral als solcher arbeiten, sondern an unserem Willen, ihr auch Taten folgen zu lassen.
HS: Das ist das sogenannte „Durchsetzungsproblem“: Die Einsicht in die Richtigkeit ethischer Prinzipien ist zwar vorhanden, die Einsicht ins richtige Handeln bedarf aber einer zusätzlichen Motivation. Wie wäre es denn ab und an mit etwas „Zwang zur guten Tat“?
Kant hat einmal so schön gesagt, der Mensch sei aus derart „krummem Holze“ geschnitzt, dass daraus „nichts Grades gezimmert“ werden könne. Wir sind eben nicht nur vernünftig, sondern oft geradezu irrational. Denk nur an unsere täglichen Konsumgewohnheiten. Da helfen vernünftige Argumente und Belehrungen oft wenig. Hier braucht es tatsächlich gelegentlich Zwang. Oder wie Kant sagen würde: das Recht. Es ist die staatliche Gesetzgebung, die unsere moralische Willensschwäche kompensieren muss. Das Individuum ist nicht selten faul und bequem; es richtet sich in Komfortzonen ein und kommt meist erst dann zur Vernunft, wenn es fühlbar in Krisen gerät. Viele Menschen werden nur aus schlechter Erfahrung klug.
HS: „Fühlbar in die Krise geraten“ als Motivation für richtiges Handeln? Bitte etwas konkreter.
Das können große, aber auch vergleichsweise kleine Krisen sein. Man wird auf der Straße angerempelt oder angepöbelt, und plötzlich wird einem bewusst, wie wichtig gute Manieren sind. Eine andere Person wird belogen oder betrogen, und man sieht ein, wie unangenehm das ist. Mir wird das Fahrrad geklaut, und so lerne ich das Eigentum anderer zu respektieren. Oder dir schwimmt das Haus weg oder der Garten brennt: Vielleicht siehst du die Forderungen von Fridays for Future dann mit anderen Augen.
HS: Kann es sein, dass derzeit besonders viel mit „Werten“, „Wertewandel“, Wertegemeinschaft“ etc. herumargumentiert wird? Gibt es eigentlich einen Unterschied zwischen „Werten" und „Tugenden“?
Zunächst vielleicht eine Gemeinsamkeit: Werte und Tugenden kommen uns vor allem dann zu Bewusstsein, wenn sie schmerzlich fehlen. Wenn etwa von einem „Verlust an Werten“ die Rede ist, mögen heute viele Menschen zunächst erschrocken an ihr Aktiendepot denken. Aber es geht dabei natürlich nicht nur ums Geld, sondern um all das, was einem im Leben wichtig ist. Der Publizist Jürgen Kaube hat einmal sehr treffend gesagt: Werte sind „Kriterien der Inkaufnahme“. Wenn mein höchster Wert die Freiheit ist, mag ich epidemische Risiken der Ansteckung in Kauf nehmen. Halte ich den Wert Solidarität für wichtiger, schränke ich meine Freiheit ein, lasse mich impfen und regelmäßig testen. Andere beliebte Werte sind etwa Gerechtigkeit, Würde, Sicherheit, Verantwortung, Nächstenliebe. Es geht um Leitlinien, an denen wir unser Leben ausrichten.
HS: Geht es nicht eigentlich immer um Gerechtigkeit? Ist das nicht der absolute Super-Wert? Oder „das höchste Gut“?
Auch hier hilft die Unterscheidung zweier Arten des Guten weiter, über die wir schon gesprochen haben. Was unser moralisches Miteinander, dieses Geflecht aus Rechten und Pflichten, angeht, so scheint der Wert der Gerechtigkeit tatsächlich das oberste Gut zu sein. Wenn du aber parteiisch an dich selbst denkst, an die jeweils eigenen Vorlieben, Interessen und Lebenspläne, dann rückt ein ganz anderes Gut in den Vordergrund: dein persönliches Glück. Das aus ethischer Sicht Spannende daran ist: Wer glücklich sein will, tut nicht immer das, was die gerechte Gesellschaft von ihm verlangt. Und andererseits: Wer für Gerechtigkeit sorgen will, muss sich gelegentlich über die individuellen Glücksansprüche der vielen Einzelnen hinwegsetzen. Nehmen wir das Thema „Steuern“: Wer in einer gerechten Welt leben will, wird sich diese Abgaben gefallen lassen müssen. Aber wenn irgendjemand behaupten würde, es mache ihn oder sie glücklich, Steuern zahlen zu dürfen, dann ist das kaum zu glauben.
HS: Und was sind Tugenden?
Tugenden sind positive Charaktereigenschaften, die eine gewisse Festigkeit aufweisen und von anderen Menschen geschätzt werden. Der tugendhafte Mensch gilt als Vorbild. Und das Gute an Tugenden ist: Man kann sie erlernen. Sie sind nicht einfach angeboren oder nicht. Sie müssen einem vorgelebt und dann auch selbst geübt werden, bis sie in den eigenen Charakter übergehen. Das kann ein lebenslanges Unterfangen sein.
Ein paar meiner Lieblingstugenden sind: Mut, Geduld, Nachsicht, Verlässlichkeit, Redlichkeit, Herzlichkeit, Toleranz und Humor. Diese Eigenschaften hätte ich besonders gern. Aber wie gesagt: Nur weil man sie schätzt, hat man sie nicht auch intus. Es gibt zudem so etwas wie eine oberste „Meta-Tugend“, die über allen konkreten Einzeltugenden steht und unser Verhältnis zu ihnen reguliert. Ich nenne sie „Integrität“. Die Eigenschaft, sich selbst treu zu bleiben; mit all den wichtigen Tugenden und Werten, die man anstrebt. Aus Sicht der Ethik ist das vielleicht die schwerste, aber auch die wichtigste Aufgabe im Leben.
HS: Welche wirklich integren Persönlichkeiten fallen dir ein?
Man muss dazu nicht in die Geschichtsbücher schauen. Ich denke zunächst an einen alten Freund. Oder auch an meine Mutter und meinen Vater. Sie sind sich in ihrem Leben oft auch dann treu geblieben, wenn machtvolle Kräfte aus ihrem Umfeld sie von ihrem Kurs abbringen wollten. Und gelegentlich haben sie dafür einen hohen Preis bezahlt. Auch berühmte Vorbilder sind natürlich wichtig: Sokrates, Jesus, Sophie Scholl, Nelson Mandela, Rosa Parks oder Alice Salomon, die Namensgeberein meiner Hochschule.
HS: Können auch Organisationen oder Unternehmen integer sein?
Ich bin da aus zwei Gründen skeptisch. Organisationen und Unternehmen können sich zwar ethische Leitbilder und Regeln der Compliance geben. Sie mögen sich hehre Werte und edle Tugenden auf ihre Fahnen schreiben: Humanität, Menschenrechte, Teamgeist, Solidarität, Transparenz, Nachhaltigkeit usw. Aber sie können doch nicht selbst, als Organisationen und Unternehmen, integer sein. Integer können immer nur diejenigen sein, die im Namen dieser Organisationen oder Unternehmen agieren und auftreten. Und nur wenn hinreichend viele von ihnen die betreffenden Werte und Tugenden „leben“ und individuell verkörpern, kann der Eindruck einer insgesamt integren Organisation entstehen.
HS: Und der zweite Grund?
Die Logik der Kapitalverwertung mag heute immer häufiger zu ethischen Lippenbekenntnissen zwingen, doch diese Logik selbst ist mit den allermeisten dieser oft feierlich verkündeten Werte und Tugenden unverträglich. Vielmehr hat die kapitalistische Verwertungslogik etwas zutiefst Unmoralisches und Lasterhaftes. Frag dich nur mal, welche Charaktereigenschaften ein Mensch faktisch mitbringen muss, um „in der Wirtschaft“ sehr erfolgreich zu sein. Und frag dich dann in einem zweiten Schritt: Möchte ich mit einem solchen Menschen, falls er diese Eigenschaften auch im alltäglichen Miteinander an den Tag legt, ernsthaft befreundet sein. Es ist und bleibt aus meiner Sicht ein ethisches Rätsel, wie wir tagtäglich auf eine Wirtschaftsordnung bauen können, deren charakterliche Voraussetzungen uns im Privaten die Haare zu Berge stehen lassen.
HS: Raus damit: Welche Charaktereigenschaften meinst du?
Okay, ganz unter uns: Es geht um rationalen Eigennutz und opportunistische Gewinnmaximierung, um strategisch simulierten Teamgeist und fehlenden Gemeinsinn, um Blendertum und oberflächlichen Charme, um mangelnde Empathie bis hin zur Gefühlskälte, um trickreiche Hinterhältigkeit und organisierte Verantwortungslosigkeit. Das reicht vielleicht, um mich hier unbeliebt zu machen.
HS: Wenn du uns zum Schluss bitte mal 3 ethische Heuristiken mitgeben würdest, mit denen wir gut durchs weitere 21. Jahrhundert kommen.
1. Handle stets so, dass du abends noch in den Spiegel schauen kannst!
2. Sei nicht wie die anderen, aber übe dich in maximaler Toleranz, auch wenn es manchmal schmerzt!
3. Poste nur Dinge, die du auch deinen Eltern mitteilen würdest!