
Ulrich Schnabel
Ulrich Schnabel, ursprünglich Physiker, ist Redakteur im Ressort Wissen der Hamburger Wochenzeitung DIE ZEIT, außerdem mehrfach ausgezeichneter Autor von Sachbüchern, Moderator und Podcaster. Er schreibt vorwiegend über Themen im Grenzbereich zwischen Natur- und Geisteswissenschaft. Zuletzt als Buch von ihm erschienen: „Zusammen. Wie wir mit Gemeinsinn globale Krisen bewältigen.
HS: Wann haben Sie eigentlich angefangen, sich tiefer mit Gemeinsinn und Netzwerken zu beschäftigen?
US: Auslöser war zum einen die erste Wahl von Donald Trump in den USA, die sichtbar gemacht hat, wie tief die Spaltung der Gesellschaft dort inzwischen ist, und zum anderen die Corona- Krise, die ja ein riesiges Sozialexperiment war. Man hat plötzlich gemerkt hat, wie sehr wir alle zusammenhängen. Gleichzeitig gab es auch bei uns recht unschöne gesellschaftliche Spaltungstendenzen. Die einen fanden die Maßnahmen gegen das Virus völlig übertrieben, die anderen die Proteste dagegen völlig übertrieben. Es hat mich alarmiert, wie schwer es war, diese gesellschaftlichen Gräben zu überbrücken. Dabei war die Sachlage ja gar nicht kompliziert, es ging nicht um weltanschauliche oder politische Fragen, sondern „nur“ um ein Virus. Und doch kamen wir nicht auf einen Nenner. Das hat in mir die Frage virulent werden lassen: Wie schaffen wir es als Gesellschaft, zu einer gemeinsamen Grundlage zu kommen?
Was genau meinen Sie mit Gemeinsinn?
Plakativ gesprochen: Ich meine nicht, dass wir alle der Oma über die Straße helfen müssen. Das ist gut, aber mir geht es nicht um diese moralisch aufgeladene Bedeutung. Mir geht es vielmehr um einen Wahrnehmungs-Sinn. Um den „Gemein-Sinn“ für das, was uns verbindet; dafür, dass wir alle Teil von Netzwerken sind, ob wir wollen oder nicht; dass wir von diesen Netzwerken einerseits beeinflusst werden, sie andererseits aber auch selbst beeinflussen.
Um es einfach zu sagen: Es geht um eine Balance zwischen Ich-Denken und Wir-Denken. Die meisten von uns sind meistens im Ich-Modus: Was nützt es mir, was bringt es mir, was bringt meine Karriere voran?
Gleichzeitig leben wir aber auch in einer Wir-Welt, in ganz vielen Netzwerken. Im Arbeits-Netzwerk, im Familien-Netzwerk, im Netzwerk Deutschland, im Netzwerk Europa, im planetarischen Netzwerk.
Die Kunst und die große Herausforderung besteht darin, einen feineren Sinn für dieses Wir-Denken zu entwickeln, ohne das Ich-Denken, die Individualität aufzugeben.
Was ist der Unterschied zwischen Netzwerk und Gemeinschaft?
Die Gemeinschaft hat ein gemeinsames Ziel. Was sie zusammenschweißt und -hält, ist der äußere Gegner. Wir gegen die. Dieser Zusammenhalt ist zwar für die Mitglieder der Gemeinschaft tröstlich oder bestärkend, aber natürlich auch begrenzt und ausgrenzend.
Wenn ich Fan von Borussia Dortmund bin, dann sind die Bayernfans alle ausgeschlossen. Obwohl die Bayern für die Dortmunder letztlich notwendig sind: ohne Gegner kein Fussballspiel, keine Bundesliga, kein Pokal... Diese Ebene auch im Blick zu haben, das heißt für mich Gemein-Sinn.
Das Netzwerk als Metapher und Phänomen ist derzeit vor allem durch die digitalen Netzwerke präsent. Wir haben da Verbindungen zu vielen Menschen, über alle Distanzen hinweg. Aber wir leben auch in analogen Netzwerken, und ich bin überzeugt: Diesen Aspekt unseres Lebens müssen wir uns bewusster machen, um wirksam handeln zu können. Das Netzwerk ist ein wichtiges, auch nicht so moralisch überfrachtetes, Konzept für uns, für unsere Zukunft. Und der Gemeinsinn ist sozusagen das Sinnesorgan für die Netzwerke, für die vielen komplexen Verbindungen, in denen wir stecken.
Was kann man tun, um sich netzwerkbewusster oder -tauglicher zu machen?
Erst mal wahrnehmen, was da alles passiert. Um sinnvoll in einem Netzwerk agieren zu können, muss ich die positiven Wirkungen – Zugehörigkeit, Kooperation, soziale Energie – und die negativen Wirkungen – Konformismus, Manipulation, Schwarmdummheit, Groupthinking – kennen.
Der Clou am sozialen Netzwerk ist, dass es nicht starr ist, sondern permanent in Bewegung. Das macht es einerseits so lebendig, andererseits aber auch schwer zu steuern. Man zieht hier, und dann passiert an zehn weiteren Stellen etwas, mit dem Sie nicht gerechnet haben. Diese Art von dynamischer Komplexität ist das Kennzeichen des sozialen Netzwerks. Und ich glaube, dass wir noch viel zu wenig Bewusstsein für diese dynamische Komplexität haben. Wir brauchen jetzt einen anderen Blick auf die Welt und auch ein neues Verständnis von unserem Handeln.
Dazu gehört die Idee vom „Menschen als ultrasoziales Wesen“. Was steckt dahinter?
Aus der Verhaltensforschung stammt die Erkenntnis: Das hervorstechende Kennzeichen des Menschen gegenüber anderen Wesen ist nicht die Intelligenz oder die Sprache oder die Kultur oder der Werkzeuggebrauch, denn all das findet man in rudimentärer Form auch im Tierreich. Der große Unterschied ist die menschliche Kooperationsfähigkeit, das Sich-Aufeinander-Einschwingen-Können.
Es gibt ein Experiment von Michael Tomasello, dem langjährigen Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie zum Vergleich von Schimpansen und Menschen: Dabei geht es darum, Futter oder Süßigkeiten aus einem Apparat herauszubekommen, den man nur zu zweit bedienen kann. Rein technisch und intellektuell schaffen das auch die Affen, aber am Ende schnappt sich der schnellere Schimpanse das Futter und rennt damit weg. Das Austricksen führt dazu, dass der langsamere Affe nach kurzer Zeit nicht mehr kooperiert – und beide leer ausgehen. Schon zweijährige Kinder wissen dagegen instinktiv, dass es sinnvoll für beide ist, wenn sie kooperieren und einen Gewinn teilen. Das nennt Tomasello soziale Kognition. Eine Art sozialer Intelligenz, die bei Menschen extrem ausgeprägt ist und für unseren evolutionären Siegeszug verantwortlich ist. Die Fähigkeit, uns in andere hineinzudenken, mit ihnen zu kommunizieren und gemeinsam handeln zu können.
Das ist die biologische Basis, das ist in uns angelegt, wir müssen uns nur wieder daran erinnern. Wir sind eigentlich sehr viel kooperativer, als wir denken. Wir haben das nur nicht im Blick, sind uns dessen nicht bewusst. Dabei ist es doch so: Sobald ich auf die Straße gehe oder in die Bahn steige, bin ich auf die Kooperation von unzähligen Leuten angewiesen. Ich mache mir nur nicht bewusst, wie viele Leute gerade daran mitarbeiten, dass ich mit der U-Bahn von A nach B fahren kann.
Sagen Sie bitte noch etwas zum „ultra“ im „Ultrasozialen“?
Natürlich kooperieren auch Tiere auf eine gewisse Art, leben in Herden, haben eine Sozialstruktur, denken Sie an Bienen, Ameisen, Fische.
Beim Menschen kommt etwas Differenzierendes dazu. Ultrasoziales Wesen heißt: Der Mensch besitzt vor allem eine einzigartige kulturelle Intelligenz und einen ausgeprägten Sinn für kooperatives Denken. Zugleich ist menschliches Denken und Bewusstsein von diesem ständigen sozialen Austausch total geformt. Das heißt: Sozial sind viele Wesen. Ultrasozial ist nur der Mensch.
Noch mal zurück zum Netzwerk. Wie kann man das beeinflussen, formen, verändern?
Nicht alleine. Sie brauchen andere. Sie müssen versuchen, eine kritische Masse zu erzeugen, um Einfluss zu haben oder zu bekommen.
Dazu gehört ein Gespür für die Netzwerkdynamik, aber auch für die eigenen Werte und Überzeugungen, die es dann gegen den Mainstream zu verteidigen gilt. Einfacher gesagt: Wenn jeder und jede da, wo er oder sie gerade steht, voller Überzeugung das tut, was er oder sie für sinnvoll und richtig hält, kann das bereits großen Einfluss haben.
Ein klassisches Beispiel ist Greta Thunberg. Versetzen Sie sich mal ins Jahr 2018, als sie da zum ersten Mal mit ihrem Schild vor dem Schwedischen Reichstag saß, ganz alleine. Wenn man damals eine Umfrage gemacht: „Was glauben Sie, was das bringt?“ hätten alle gesagt: „Ganz nett, aber.... vergiss es.“
Das ist ein starkes Beispiel, wie aus etwas sehr Kleinem durch Überzeugung etwas Großes entstehen kann. Greta selbst sagt: „Der Schritt von Eins zu Zwei ist der schwierigste und wichtigste.“ Denn wenn man den geschafft hat, ist man kein einzelnes Individuum mehr, sondern Teil einer kleinen Gemeinschaft – und die kann schnell größer werden.
Am Anfang war es vielleicht eine Schulkameradin, die sich von Greta anstecken ließ, dann kamen schnell weitere hinzu, dann die ganze Schule, dann wurden die Medien drauf aufmerksam.... und dann stellte sich heraus, dass es für diese Idee sogar eine weltweite Resonanz gibt. Das ist ja das Interessante, dass auch Schüler in ganz anderen Ländern diese Idee aufgegriffen haben, weil sie im Prinzip darauf gewartet haben. Das große Netzwerk war schon bereit dafür. Es fehlte nur der entscheidende Impuls.
Also ist der Erfolg eines Netzwerks auch immer eine Sache des Zeitgeists, der gesellschaftlichen Stimmung…
Man kann nicht allein gegen ein Netzwerk und schon gar nicht gegen eine gesellschaftliche Stimmung ankommen. Soziologen und Technikhistoriker sprechen von einem „gesellschaftlichen Regime“. Damit ist die Gesamtheit aller aktuell herrschenden Vorstellungen, Gewohnheiten, Techniken und politischen Regeln gemeint. Ändern die sich, kommt es zu einem Regimewechsel.
Momentan stecken wir im Umbruch unseres Energie- und Klimaregimes. Und in dem unserer Essgewohnheiten: Vegetarier oder Veganer galten früher als exzentrische Sonderlinge, heute ist das nichts Besonderes mehr. Schon wird man in Cafés gefragt, ob man lieber Hafer- oder Kuhmilch will. Man könnte sagen: Es ist ein Netzwerk der Hafermilchtrinker entstanden, das die gesamte Gesellschaft beeinflusst. Firmen machen groß Werbung für Hafermilch, Supermärkte räumen dafür Regale frei, und schon ist es normalisiert, wird selbstverständlich. Man kann dem Regimewechsel zusehen.
Es gibt in diesem Zusammenhang die Theorie der Kipp-Punkte. Wieviele Mitmacher braucht es, um einen Kipppunkt in einem Netzwerk zu erreichen?
Tatsächlich zeigen Experimente: Es reicht, wenn eine Minderheit ein Verhalten entschieden vorlebt, um eine Stimmung zum Kippen zu bringen. Wie viele es dazu genau braucht, ist unter Forschern umstritten, weil man ja nicht mit ganzen Gesellschaften sondern nur mit kleinen Gruppen experimentieren kann. Aber je nach Versuchsdesign reichen 10 bis 25% einer Gruppe, um die Mehrheit zu beeinflussen. Denn die Wahrheit ist: Die meisten Menschen sind selbst nicht wirklich entschieden, sondern richten sich vor allem nach dem, was die anderen in ihrem Umfeld machen.
Deshalb kann eine entschiedene kleine Gruppe immer mehr Menschen mitreißen – und ein gesellschaftliches Regime zum Kippen bringen.
Eigentlich ganz tröstlich oder sogar ermutigend.
Oh ja. Man muss gar nicht alle überzeugen. Man braucht erst mal keine Mehrheit, um Dinge zu verändern. In einem Netzwerk reicht es oft, den Nächsten anzustoßen, der seinerseits den Nächsten anstößt usw. – wie in einer Kette von Dominosteinen. Entschlossen handelnde Minderheiten haben mehr Macht als man ihnen für gewöhnlich zutraut. Der Netzwerkforscher Nicholas Christakis sagt: „Jeder von uns hat mehr Einfluss auf andere als wir erkennen können, man muss dazu kein Superstar sein. Wir haben zwar nicht alles in der Hand, sind aber wirkmächtiger als wir glauben.“
Dabei spielen auch die „schwachen Bindungen“ eine Rolle.
Ja. Nicht jeder Kontakt in einem Netzwerk zählt gleich. Zu manchen Menschen hat man eine starke Bindung – Angehörige, Freunde –, anderen begegnet man eher sporadisch. Gerade die schwachen Bindungen sind aber oft die hilfreichen. Wer einen neuen Job sucht, findet den eher über lose Kontakte als im engsten Kreis. Denn die starken Kontakte sind so eng verknüpft, dass innerhalb dieses Netzes alle über dieselben Informationen verfügen. Anders bei den schwachen Bindungen. Die sind etwas weiter entfernt, so dass dort auch ganz andere Informationen zirkulieren, z.B. auch über neue, andere Job-Angebote.
Also: raus aus der eigenen Filterblase und die schwachen Bindungen pflegen!
Wir kennen uns jetzt eine Stunde. Haben wir schon eine schwache Bindung?
Könnte sein, weil ich bei vielen Themen eine inhaltliche Resonanz spüre, ein Ähnlich-Ticken. Vielleicht kann man es auf die klassische Dating-Frage bringen: Würde man sich noch mal sehen wollen?
Ein Einmalkontakt ist jedenfalls noch keine Bindung. Die entsteht erst, wenn man sich zumindest ab und zu im echten Leben sieht.
Haben Sie noch weitere Empfehlungen aus der Netzwerkperspektive?
Der Hirnforscher Henry Markram hat mir einmal das Geheimnis des Gehirns erklärt, das Geheimnis seiner Effektivität. Er sagt: Das Gehirn ist zugleich die komplette Diktatur und die komplette Demokratie. Wenn man sich anschaut, wie Entscheidungen im Gehirn getroffen werden, also wie sich ein Handlungsimpuls im Gehirn aufbaut, dann ist es in der Regel so: Eine einzelne Gehirnzelle fängt an zu feuern und beeinflusst wie eine Kaskade alle anderen. Sie ist sozusagen der König, trifft die Entscheidung: „Dieser Impuls ist jetzt gut und richtig“ – und dann pflanzt sich diese Entscheidung blitzartig im ganzen Gehirn fort. Totale Diktatur. Der Punkt ist aber: Es ist nicht immer die gleiche Zelle, sondern immer wieder eine andere. Je nach Aufgabe, je nachdem, worum es geht. Als Gehirnzelle ist man in einem Moment König und im nächsten Moment Straßenfeger, sagt Markram.
Wenn wir das auf Unternehmen oder Organisationen übertragen, dann ist es so: In jeder Organisation gibt es viele Leute mit vielen Spezialfähigkeiten. Berater-Zellen sozusagen. Und es ist natürlich die klügste Strategie, wenn man es schafft, dieses Wissen nutzbar zu machen. Manchmal muss man auf eine Zelle hören, die irgendwo ganz hinten in der Ecke sitzt, aber die klügste und genau richtige für eine spezielle Situation oder Aufgabe ist.
Also muss eine Organisation nur so schlau sein wie ein menschliches Gehirn …
Genau. Wobei dieses „nur“ einen extrem gut ausgebildeten Gemein-Sinn erfordert.
Sie verweisen auf viele interessante aktive Netzwerke: das Fahrradnetzwerk Critical Mass, Fridays for Future, Omas for Future. Welches ist ihr Lieblings-Netzwerk?
Eins meiner Lieblingsnetzwerke sind die Anonymen Alkoholiker. Eine riesige Organisation, rund um den Globus aktiv, Millionen von Mitgliedern, dabei kostenlos, zwanglos, ohne wirtschaftlichen Ziele. Es geht ihnen nicht um Profitmaximierung oder politischen Einfluss, auch religiöse Ansichten sind egal. Das einzige Kriterium zur Teilnahme ist der aufrichtige Wunsch, seine Erfahrungen mit anderen zu teilen und sich offen auszutauschen. Eine super Idee, die hier super funktioniert: Aus der Begegnung mit Gleichgesinnten volle soziale Energie schöpfen!